Was wäre, wenn grenzüberschreitende Zahlungen so einfach wären wie das Bestellen und Nachverfolgen einer Pizza? (Teil 2 von 2)

Daniel Lynch, Global Payments Innovation Manager für Nord- und Lateinamerika bei SWIFT

(In der zweiten und letzten Folge unserer Reihe zum Thema digitale Transformation in der grenzüberschreitenden Zahlungsbranche setzen wir das Gespräch mit Daniel Lynch fort, der bei SWIFT als Global Payments Innovation Manager für Nord- und Lateinamerika tätig ist. Teil 1 finden Sie hier.)

Letzte Woche sprach Daniel Lynch darüber, wie SWIFT mit der Einführung des neuen Standards SWIFT gpi zur Verbesserung der Transparenz und sofortigen Verarbeitung von Kundentransaktionen zur Transformation der Branche beiträgt. Zur Optimierung grenzüberschreitender Zahlungsverfahren müsse vor allem die Qualität elektronischer Daten sowie deren effektiver Austausch gewährleistet sein.

„Beispielsweise können fehlerhafte Kontonummern zu erheblichen Verzögerungen bei grenzüberschreitenden Zahlungen führen“, so Lynch. „Deshalb entwickeln wir zurzeit APIs, mit denen Datenpunkte vorab überprüft oder Zahlungsdaten notfalls während der Bearbeitung korrigiert werden können. Während das aktuell gängige Verfahren sich in etwa mit dem Senden eines Briefs oder einer E-Mail vergleichen lässt, entwickeln wir eine dynamischere multidirektionale Lösung, die eher an das Prinzip einer Chat-Umgebung erinnert.“

In dieser Folge beleuchtet Lynch die Dynamiken, die seine Branche durch die Entstehung neuer Ökonomien aufmischen. Außerdem spricht er aus Expertensicht über die Auswirkungen des Wachstums im Markt für digitale Waren und Dienstleistungen auf den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Als Beispiele nennt er die Projektfinanzierung über Kickstarter oder auch das BAT-Token (vom Brave Browser), das er selber schon für Mikro-Zahlungen an Pressekanäle benutzt hat, wenn ihm ein Artikel besonders gut gefallen hat. Dabei handelt es sich um neue Anwendungsfälle, die es noch vor zehn Jahren gar nicht gab.

„Wir entwickeln eine dynamische multidirektionale Lösung, die eher an das Prinzip einer Chat-Umgebung erinnert.“

Viel Spaß beim Lesen.

Appian: Ich möchte einen Punkt aufgreifen, den Sie vorhin erwähnt haben. Sie sehen eine der großen Herausforderungen im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr darin, zu bestimmen, ob etwaige Probleme auf das Netzwerk oder das Backoffice-System einer Bank zurückzuführen sind.Außerdem sagten Sie, dass Probleme oder Verzögerungen in den allermeisten Fällen mit Problemen bei der Datenverarbeitung zusammenhängen.

Lynch: Das trifft definitiv auf die Verarbeitung von Referenzdaten zu. Das Schlagwort von der Innovation auf Netzwerkebene ist momentan in aller Munde. Dabei stellt sich jedoch die Frage, was mehr bringt: die Latenzzeit von drei Sekunden auf Netzwerkebene zu verkürzen – oder aber die Stunden und Tage, die wir für die Behebung interner Datenverarbeitungsprobleme aufwenden? Das sind so die versteckten Herausforderungen, die für jemanden, der wenig Ahnung von den Vorgängen bei der Zahlungsabwicklung hat, nicht unbedingt offensichtlich sind.

Appian: Ich bin selber kein Branchen-Insider und finde es erstaunlich, wie groß der globale Zahlungsmarkt ist. Und er wächst weiterhin in einem phänomenalen Tempo. Laut Medienberichten ist davon auszugehen, dass sein Gesamtvolumen innerhalb der nächsten Jahre die 2-Billionen-Grenze (in USD) sprengt. Welche Faktoren sind für dieses unglaubliche Wachstum verantwortlich?

Lynch: Ich glaube nicht, dass sich diese Frage mit einem Satz beantworten lässt. Da kommen mehrere Faktoren zusammen. So hat zum Beispiel die zunehmende Vernetzung unserer Welt Auswirkungen auf den Zahlungsverkehr im Groß- und Einzelhandel. Früher wurden grenzüberschreitende Zahlungen fast ausschließlich von großen multinationalen Konzernen vorgenommen – Unternehmen wie Dow Chemical oder General Electric.

Heute treten alle möglichen Unternehmen und Wirtschaftszweige als Wachstumsmotoren auf – von Großkonzernen über KMUs bis hin zu Ein-Personen-Betrieben. Bedingt durch die steigende Mobilität und grenzüberschreitende Migration gewinnt auch der transnationale Zahlungsverkehr zwischen Einzelpersonen zunehmend an Bedeutung, sowohl im Hinblick auf das Volumen als auch auf die Häufigkeit, mit der solche Zahlungen getätigt werden.

Appian: Wie schätzen Sie die Technologiefolgen ein?

Lynch: Wir beobachten einen Zuwachs an neuen Zahlungsarten, die es früher nicht gab. Ich lebe in New York, und dort hören plötzlich alle nur noch Podcasts. Stellen Sie sich etwa vor, jemand bietet einen abopflichtigen Podcast über die Geschichte des Brots an, mit verschiedenen Folgen zur Geschichte des Croissants oder der Empanada. Wenn nun Kunden aus Europa diese Podcasts abonnieren, müssen sie einen grenzüberschreitenden Zahlungsvorgang tätigen, der noch vor fünf Jahren nicht existiert hätte.

Im Zusammenhang mit digitalen Waren und Leistungen entsteht also ein ganzes Universum neuer Ökonomien. Hier denke ich zum Beispiel auch an die Projektfinanzierung mit Kickstarter. Oder an den ganzen Hype um Kryptowährungen, dem viele aufgesessen sind. Ich selber habe auch schon das BAT-Token vom Brave Browser für Mikro-Zahlungen an Pressekanäle im Wert von ein paar Cents benutzt, wenn mir ein Artikel besonders gut gefallen hat. Dabei handelt es sich um lauter neue Anwendungsfälle für grenzüberschreitende Zahlungen. Sie reichen von Massenzahlungen im Auftrags eines Unternehmens über Individualzahlungen bis hin zu neuen Anwendungsfällen, die es noch vor zehn Jahren gar nicht gegeben hätte.

Appian: Womit wir wieder beim Thema digitale Transformation angelangt wären.

Lynch: Genau. Wie Sie wissen, ist SWIFT nicht nur ein Technologie- und Softwareanbieter, sondern auch ein Netzwerk, das als Normungsorganisation an der Definition von Standards für den internationalen Zahlungsverkehr mitwirkt. Dabei wird jedoch leicht vergessen, dass wir als Genossenschaft firmieren und in dieser Eigenschaft federführend branchenweite Initiativen zur Lösung dieser komplexeren Fragen vorantreiben. Genau darum ging es uns im Zeitraum 2015/16 bei der Koordinierung der ersten gpi-Konsensgruppe. Damals befanden wir uns eindeutig in einer Marktrevolution in der Zahlungsbranche, die einen holistischen Ansatz erforderlich machte.

So gab es zum Beispiel neue Marktteilnehmer aus Ostasien, die sich rapide neue Umsatzchancen aus Einzelhandelszahlungen erschlossen. Hinzu kamen die gestiegenen Erwartungen der Verbraucher in Bezug auf eine sofortige, reibungslose Zahlungsabwicklung, wie sie sie mittlerweile aus dem Einzelhandel gewohnt sind. Im Großkundengeschäft verfügen die Banken oft nicht über die technische Infrastruktur zur Befriedigung dieser Erwartungshaltung …

Der Widerspruch zwischen einer sekundenschnellen und transparenten Kauferfahrung im Einzelhandel und dem weniger befriedigenden Kundenerlebnis bei einer mehrstelligen Banküberweisung löst Unzufriedenheit aus.

Appian: Studien haben ergeben, dass die Auflösung dieser Widersprüche viele Organisationen vor erhebliche Schwierigkeiten stellt. Wie sind Sie bei SWIFT damit umgegangen? Wo haben Sie angefangen?

Lynch: Also, wir haben eine Gruppe von Banken zusammengebracht und sind gemeinsam die dringendsten Probleme angegangen. Wir haben uns angesehen, an welchen Stellen es besonders hakt. Ein wichtiger Punkt dabei war, dass grenzüberschreitende Zahlungen sich oft nicht so einfach nachverfolgen lassen, wie man beispielsweise eine FedEx-Sendung nachverfolgen kann. Das galt als echte Herausforderung im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, wo Finanzinstitute quasi als Brücken über Landes- und Währungsgrenzen hinweg fungieren. Noch vor zwei oder drei Jahren gab es keine Transparenz über die Identität der verschiedenen Akteure.

Einen Einblick in die Durchlaufzeiten dieser einzelnen Institute und in die Gebühren zu gewinnen, die sie jeweils erheben, und die Gewissheit zu haben, dass eine Überweisung auch tatsächlich beim intendierten Empfänger angekommen ist – das alles bedeutete einen großen Schritt nach vorne. Zur Behebung dieser dringenden Probleme haben wir mit 15 bis 25 Transaktionsbanken in aller Welt zusammengearbeitet, um gpi zu entwickeln und es auf alle 11.000 SWIFT-Mitglieder auszuweiten.

Appian: Was ist dabei herausgekommen?

Lynch: Wir treffen uns jetzt jährlich mit den gpi-Mitgliedern – inzwischen sind es mehrere hundert – in Workshops für bestimmte Regionen, um gemeinsam zu überlegen, wie wir den Zahlungsverkehr für Kunden möglichst reibungslos gestalten können: etwa durch eine API zur Zahlungsvalidierung, eine API zur Fallbearbeitung oder indem man Kunden die Möglichkeit gibt, Zahlungen während der Abwicklung zurückzurufen. Die Vorschläge für diese Innovationen stammten alle von Mitgliedern und aus der Zusammenarbeit mit dem SWIFT-Produktmanagement.

(Weitere Informationen zu den Auswirkungen der digitalen Transformation auf den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr finden Sie im Industry Brief zu gpi und auf der einschlägigen Website von SWIFT.)

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