Rosie the Riveter und Vorreiterinnen der digitalen Revolution

„Ich habe 99 Probleme, doch Softwareentwicklung ist keines davon.“

Für jeden Befürworter der Frauenpower-Bewegung verkörpert das Meme von Rosie the Riveter die „Wir schaffen das“-Haltung, die Frauen während des Zweiten Weltkriegs dazu bewegte, Teil der Arbeiterschaft zu werden. Man könnte nun meinen, dass diese Bewegung der Vergangenheit angehöre, doch Rosie ist heute genauso wichtig wie damals: Man denken nur einmal an den überragenden Sieg des US-amerikanischen Frauenfußballteams bei der diesjährigen Weltmeisterschaft, die unvergessliche Leistung des 15-jährigen Tennisphänomens Cori „Coco“ Gauff in Wimbledon und die atemberaubende Evolution der Softwareentwicklung, die vor allem von Frauen vorangetrieben wurde.

In einem Zeitalter, in der Software alles und jeden miteinander vernetzt, ist Rosie ein Sinnbild für die zahlreichen Frauen, die einen wichtigen Beitrag zur digitalen Revolution geleistet haben. Zudem inspiriert sie uns alle, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und uns von veralteten Geschlechterstereotypen zu befreien.

Doch wir sollten uns immer vor Augen halten, dass geschlechtsspezifische Vorurteile keinesfalls nur ein Problem von Frauen sind. Diese Vorurteile sind ein „Fehler im System“, der uns alle betrifft. Verschiedene Studien belegen, dass die Priorisierung von Karriereförderung und Lohngleichheit für Frauen ein Wirtschaftswachstum von unglaublichen 12 Billionen Dollar bis 2025 bedeuten könnte.

Houston, wir haben ein Problem!

Eigentlich ist uns allen klar: Wenn Frauen in der Tech-Welt gleichberechtigte Wettbewerbsbedingungen hätten, würde eine so noch nie dagewesene Welle von Innovation und Wirtschaftswachstum entstehen. Nichtsdestotrotz scheinen im Diskurs um die Vorreiter der digitalen Revolution stets Männer die Lorbeeren zu ernten. Ironischerweise sind es jedoch schon seit jeher Frauen, die durch ihre Ideen für die Softwareentwicklung den Weg für die Raumfahrt und die digitale Transformation geebnet haben: darunter so scheinbar auch von der Geschichte vergessene Persönlichkeiten wie Ada Lovelace, eine britische Mathematikern, die im 19. Jahrhundert das erste Computerprogramm schrieb, und viele weitere Software-Pionierinnen wie Grace Hopper, Jean E. Sammet, Fran Allen, Arlene Gwendolyn Lee und Dorothy Vaughn.

All diese Frauen haben uns vorgemacht, wie Computeranwendungen entwickelt werden – und zwar lange bevor die Softwareentwicklung überhaupt existierte. Lee und Vaughn waren übrigens Frauen afroamerikanischer Herkunft. Des Weiteren dürfen wir nicht vergessen, dass die Hälfte der Entwickler, die den ersten digitalen Computer des US-Militärs programmiert haben, Frauen waren.

Ein Hoffnungsschimmer

Ab den 80er Jahren machten sich Veränderungen bemerkbar. Zu diesem Zeitpunkt stieg die Nachfrage nach PCs und benutzerdefinierten Anwendungen explosionsartig an. Gleichzeitig sank der Anteil an ausgebildeten Informatikerinnen von 37 % auf aktuell lediglich 18 %. Doch es scheint Hoffnung zu geben: Die Quote an Absolventinnen im IT-Bereich ist erneut angestiegen. Frauen machen heute circa die Hälfte aller neuen IT-Absolventen und jungen Entwickler in der Arbeitswelt aus.

Gemeistert ist die Herausforderung der Parität damit natürlich längst nicht: Überproportional viele Frauen werden langfristig als Junior-Mitarbeiterinnen eingestellt, was in vielen großen Unternehmen wiederum zu einem Mangel an Frauen in wichtigen Führungspositionen führt. Ein Beispiel:

  • In den führenden 1.000 US-Unternehmen (nach Umsatz) sind nur 19 % der CIO-Positionen von Frauen besetzt
  • Schaut man auf die Fortune 500, sind nur 17 % der CIOs Frauen
  • In den Fortune 100 sind nur 22 % der CIO-Positionen von Frauen besetzt

Dies sind die Ergebnisse einer Studie von Deloitte.

Erst vor Kurzem habe ich einen themenverwandten Beitrag in der New York Times gelesen: Das US-amerikanische Frauenfußballteam hatte gerade die Weltmeisterschaft für sich entschieden, die US-amerikanische Männermannschaft in einem regionalen Finale verloren. Und obwohl das Frauenteam viel höhere Einnahmen erzielt hatte als das Team der Männer, löste der Artikel eine Debatte zur Lohnparität zwischen Männern und Frauen aus.

Es ist an der Zeit, den Diskurs zu ändern

„Sind wir es wert? Sollten wir die gleiche Bezahlung erhalten wie Männer? Ist der Markt denn wirklich der gleiche? Und so weiter und so fort … Wir dürfen uns diese Fragen einfach nicht mehr stellen“, meint die amerikanische Mittelfeldspielerin Megan Rapinoe. „Wir müssen diesen Diskurs auf die nächste Ebene bringen.“

Das Gleiche gilt auch für Frauen in der Tech-Welt. Mit kommt dabei ein Interview in den Sinn, das wir kürzlich mit Lisa Heneghan, Global Lead für den Technologieberatungs-Bereich bei KPMG, geführt haben. Heneghan leitet ein Netzwerk von mehr als 10.000 Fachkräften, mit dem sie Kunden dabei unterstützt, digitale Transformations-Strategien umzusetzen, die handfeste Geschäftsergebnisse erzielen. Als Patin des „IT’s her Future“-Programms von KPMG setzt sich Heneghan für ein Geschäftsszenario ein, durch das mehr Frauen für den Technologiesektor gewonnen werden und die Karriere von Frauen, die bereits in der Branche arbeiten, proaktiv gefördert werden soll.

„Ich finde, wir leben in einer großartigen Zeit, um die Vielfalt in Unternehmen erheblich auszuweiten,“ erklärt Heneghan. „Um in einer Welt des allgegenwärtigen digitalen Wandels erfolgreich zu sein, müssen Unternehmen kundenorientiert sein. Ohne mehr Vielfalt im Unternehmen geht das jedoch schlichtweg nicht.“

Abkehr von dem Mythos „Frauen haben Angst vor Technologie“

„Einen Bereich, den ich gerne erforschen möchte, ist, wie sich die Fähigkeiten, die heute in der Technologiewelt benötigt werden, von denen vor 5 oder 10 Jahren unterscheiden. Ich glaube, dass sich diese Fähigkeiten tatsächlich mit den inhärenten Fähigkeiten von Frauen decken könnten.“

Ein großer Teil der Herausforderung besteht darin, den Mythos zu zerstören, dass sich Frauen in der Technologiebranche nicht wohlfühlen. Heneghan geht davon aus, dass die inhärenten Fähigkeiten, die Frauen mitbringen, in der digitalen Wirtschaft aktiv benötigt werden. Zu diesen Fähigkeiten zählen beispielsweise Zusammenarbeit, Lernbereitschaft, und der Aufbau von Beziehungen.

Gerade in der digitalen Wirtschaft stellen diese ausgeprägten sozialen Kompetenzen einen wichtigen Erfolgsfaktor dar. Diese Aussage sollte jedoch nicht missverstanden werden: „Das bedeutet nicht, dass wir nicht auch mehr Frauen mit den traditionellen Fähigkeiten der MINT-Bereiche brauchen,“ merkt Heneghan an. „Kompetenzen aus beiden Bereichen sind entscheidend.“

„Die meisten großen Unternehmen unterhalten irgendeine Art von Diversity-Initiative,“ erklärt Heneghan. „Doch bei vielen dieser Organisationen scheinen diese Initiativen kein wirkliches Leben, keinen Schwung zu haben. Wir bei KPMG bemühen uns aktiv, ein Geschäftsszenario, das Vielfalt fördert, in Geschäftsergebnisse umzusetzen. Bisher machen wir dabei gute Fortschritte.“

Die Wichtigkeit eines „Diversity“-Ansatzes

„Beim Erreichen der (Geschlechter-)Vielfalt geht es nicht um einen ‚gutgemeinten Versuch‘ oder das Abhaken verschiedener Punkte einer Diversity-Liste,“ erklärt Heneghan. „Sehen wir der Wahrheit ins Gesicht: Man kann sich nicht als kundenorientiertes Unternehmen aufstellen, wenn man keine Technologie entwickelt, die nicht für jeden funktioniert. Und das geht nur, wenn man Vielfalt und eine Vielfalt der Denkweisen in seinem Unternehmen fördert.“

Anders ausgedrückt: Laut Google-Suchergebnissen tätigen oder beeinflussen Frauen über 80 % der Konsumausgaben und sind weltweit für Ausgaben in Höhe von mehr als 20 Billionen Dollar verantwortlich. Warum also stellen Tech-Unternehmen nicht mehr Menschen ein, die repräsentativ für ihre tatsächliche Kundschaft sind?

„Schauen Sie sich mal die erfolgreichsten Unternehmen an,“ sagt Heneghan. „Die haben schon längst erkannt, dass der einzige Weg zum Erfolg darin besteht, auf eine Vielfalt von Denkweisen zu setzen. Und in einem solchen Team dürfen Frauen natürlich nicht fehlen.“

Wer würde dem nicht zustimmen?!

 

 

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