Wie man von Unternehmensautomatisierung profitiert: Großes Ziel, kleine Schritte, validieren und weitermachen (Teil 1 von 2)

Dr. Jing Bing Zhang, Robotics Research Director, IDC
Jing Bing Zhang, Forschungsleiter bei Worldwide Robotics, IDC

Es zeichnet sich ab, dass moderne Roboter intelligenter, effizienter und besser denn je in der Interaktion mit anderen Robotern und Menschen sind. Und das in einem solchen Ausmaß, dass Branchenbeobachter bis 2025 erwarten, dass 60 % der weltweiten Marktführer in der Fertigungsindustrie, der Logistik, dem Gesundheitswesen, dem Energiesektor und der Landwirtschaft eine eigene Robotikabteilung haben werden. Darüber hinaus geht man von einem Zuwachs von 30 % bei der Verwendung von robotergesteuerter Prozessautomatisierung für Front-Office-Aktivitäten mit direktem Kundenkontakt aus, wie z. B. im Verkauf oder sonstigem Kundenerlebnis.

Apropos Roboter: Einer der neusten Trends in der globalen Geschäftsbranche ist der Aufstieg der – wie Gartner sie nennt – „autonomen Dinge“. Wir sprechen hier von der Konvergenz von Robotern und künstlicher Intelligenz, um traditionell von Menschen ausgeübte Tätigkeiten zu automatisieren. In diesem Zusammenhang werden 40 % der kommerziellen Roboter schon bald durch intelligente Verbindungen vernetzt sein, was sie noch effizienter machen könnte, als wir jemals erwartet hätten.

Im Moment herrscht der Irrglaube vor, dass die erstaunliche Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz den Weg in eine Zukunft ohne Arbeit führen wird. Bei genauerem Hinsehen allerdings, wird man erkennen, dass diese Sci-Fi-„Robokalypse“ noch weit entfernt ist. Das bringt uns zu Jing Bing Zhang, Forschungsleiter, Worldwide Robotics, IDC. Zhang ist einer der führenden Experten für den Einsatz von Robotertechnologie. Sein Forschungsschwerpunkt bei IDC liegt auf kommerzieller Robotik und robotergesteuerter Prozessautomatisierung  und inwiefern autonome und teilautonome Technologien in Zukunft:

  • Die Belegschaft von morgen gestalten.
  • Die digitale Transformation vorantreiben.
  • Neue Einnahmequellen eröffnen.
  • Arbeitsprozesse revolutionieren.

Als Futurist erwartet Zhang ein exponentielles Wachstum der Automatisierung in den Bereichen Bankwesen, Versicherungen und Finanzdienstleistungen. Diese Bereiche sind seiner Meinung nach allesamt reif für die digitale Transformation. In dieser überarbeiteten, zweiteiligen Neuveröffentlichung enthüllt Zhang, warum der Aufstieg der Robotik und Automatisierung darüber hinausgeht, lediglich Verwaltungs- und Transaktionsprozesse zu verbessern, sondern zu schnellerer und besserer Bereitstellung von Dienstleistungen und einem angenehmeren Kundenerlebnis führen wird. (Lesen Sie hier Teil 2.) Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.

Appian: Guten Morgen, Dr. Zhang. Und willkommen bei Digital Masters. Beginnen wir allgemein mit der Gesamtsituation. Im vorletzten Jahr haben IDC und andere Branchenexperten vorhergesagt, dass die Investition in kommerzielle Robotik mehr Innovation, neue Einnahmequellen und eine Revolution der Arbeitsprozesse zur Folge haben wird. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Dr. Zhang: Ja, aber lassen Sie uns das Ganze im entsprechenden Kontext betrachten. Unser im November 2016 veröffentlichter Bericht IDC FutureScape: Worldwide Robotics 2017 Predictions bezog sich auf die kommerzielle Robotik und den Einsatz physischer Roboter in verschiedenen Sektoren, z. B. in der Fertigungsindustrie, im Gesundheitswesen, im Handel, in der Versorgungsbranche und im Bauwesen. Insgesamt beobachten wir ein stark gestiegenes Interesse an physischen Robotern und RPA.

Appian: Eine Umfrage von IDC aus dem Jahr 2017 hat ergeben, dass die Robotik unter allen technologischen Investitionen bei 50 % der befragten Unternehmen oberste Priorität hat. Wie kommt es zu dieser Entwicklung?

Dr. Zhang: Diese Daten basieren auf einer Befragung, die wir Anfang 2017 durchgeführt haben. Damals interviewten wir Führungskräfte aus 1.050 Unternehmen auf der ganzen Welt, die auf den wichtigsten Märkten im Asien-Pazifik-Raum, in Europa und in Amerika aktiv sind. An der Befragung nahmen Firmen aus vielen Branchen teil, so zum Beispiel aus der Fertigungsindustrie, aus dem Gesundheitswesen und aus dem Handel, aber auch Regierungsbehörden und Versorgungsunternehmen. Höchste Priorität im Fertigungssektor hatte die Optimierung der Produkt- und Servicequalität für die Kunden. Und die größte Sorge waren die steigenden Arbeitskosten.

Appian: Was ist mit den anderen Branchen wie dem Gesundheitswesen und dem Handel? Wie nutzen Unternehmen aus diesen Sektoren Robotik und Automatisierung?

Dr. Zhang: Im Gesundheitswesen hatte die Optimierung der allgemeinen Patientenerfahrung oberste Priorität. Im Einzelhandel legte man den Fokus eher auf einen besseren Kundenservice. Damit kommen wir also zu dem Schluss, dass Qualität und Servicezeit – d. h., wie schnell man einem Kunden seinen Service bereitstellt – die wichtigsten Treiber für Automatisierung und insbesondere Robotiktechnologie sind. Der Grund dafür: Roboter bieten eine höhere Agilität, Genauigkeit und Einheitlichkeit als menschliche Arbeitskräfte.

„Wir stellen jetzt jedoch fest, dass Kunden neben Qualität und Kostenvorteilen auch den Mehrwert betrachten, den die Automatisierung ihnen bietet – so zum Beispiel bei der Suche nach einem bestimmten Produkt über die Bestellung bis hin zu seiner Verwendung.“

Unternehmen reagieren demnach auf die Nachfrage, um mit den Kundenerwartungen Schritt halten zu können. Und diese Erwartungen ändern sich ständig.

Appian: Das heißt also, Kundenerwartungen sind der treibende Faktor für kommerzielle Automatisierung. Und diese Erwartungen ändern sich derzeit schneller als jemals zuvor.

Appian: Apropos Automatisierung. Ich habe in verschiedenen News-Berichten gelesen, dass China mehr als das Doppelte in Robotik investiert als die USA. Was sagen Sie dazu?

Zhang: Wenn Sie die Zeit 25 oder 30 Jahre zurückdrehen, können Sie sehen, dass China damals aufgrund der billigen Arbeitskräfte einen Wettbewerbsvorteil hatte. Aber dieser Vorsprung schrumpft. Deshalb setzt China gerade so sehr auf Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz. Man möchte das Konzept aus billigen Arbeitskräften und kostengünstiger Fertigung hinter sich lassen und sich lieber auf die Hightech-Produktion konzentrieren. China ist übrigens derzeit der weltweit größte Robotik-Markt.

„Sie nehmen auch einen großen Vorstoß in die künstliche Intelligenz vor. In Wahrheit sieht es nämlich so aus: China hat es sich zum Ziel gesetzt, weltweit führend auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz zu werden und bis 2030 ‚wichtigstes globales Zentrum für KI-Innovation‘ zu werden. Das ist sozusagen der Hintergrund zu dem, was gerade in China passiert. Eine andere Sache, der sich viele Leute nicht bewusst sind, ist, dass in China Arbeitskräftemangel herrscht.“

Appian: Ein Mangel an Arbeitskräften in China? Das klingt unglaublich. Wie ist das möglich? Dort leben enorm viele Menschen.

Dr. Zhang: China hat mehr als eine Milliarde Einwohner, das ist richtig. Deshalb wird die Bedrohung durch den Arbeitskräftemangel gerne übersehen. Vor dreißig oder vierzig Jahren haben viele Menschen die Bedeutung der Automatisierung für China heruntergespielt, eben weil das Land so viele Einwohner hat. Im Jahr 2010 waren 110 Millionen Menschen in China bereits älter als 65 Jahre. Bis 2030 wird diese Zahl laut UN-Angaben noch mehr – um über 100 Millionen weitere Menschen – ansteigen. Und bis 2050 wird mehr als ein Vierteil der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein.

„Aber laut einem United-National-Arbeitsmarktbericht hatte die Anzahl der Arbeitskräfte in China im Jahr 2015 ihren Höchststand. Mittlerweile ist der Zenit überschritten, denn von diesem Zeitpunkt an wird Chinas Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit jedes Jahr eine Million Menschen im erwerbsfähigen Alter verlieren. Wenn man nun bedenkt, dass ein Industrieroboter drei bis vier Menschen ersetzen kann, muss China pro Jahr etwa 275.000 Industrieroboter installieren, um diesem demografischen Wandel entgegenzuwirken.“

Appian: Das klingt, als würde in China eine riesige Automatisierungslücke klaffen?

Dr. Zhang: Letztes Jahr installierte China etwa 86.000 Industrieroboter. Das ist nicht mal ein Drittel von dem, was erforderlich ist, um die benötigten Arbeitskräfte für das Jahr 2015 zu ersetzen. Aus diesem Grund ist die größte Sorge einiger Fabrikleiter in manchen Teilen Chinas tatsächlich der drohende Arbeitskräftemangel, vor allem nach den langen Ferien um das chinesische Neujahrsfest.

Außerdem sind die chinesischen Verbraucher anspruchsvoller geworden, sie erwarten heute viel mehr. Damit Hersteller diese steigenden Erwartungen erfüllen können, müssen sie auf Automatisierung zurückgreifen. Es gibt eine Sache, die man ebenfalls nicht außer Acht lassen sollte: Die Wettbewerbsvorteile durch billige Arbeitskräfte schwinden, denn schließlich können auch Unternehmen in den USA Fabriken mit Robotern bauen. Aus diesem Grund sinken die Arbeitskosten als Prozentsatz der Gesamtbetriebskosten immer schneller. Deshalb befürchten auch so viele Menschen in Asien und im Asien-Pazifik-Raum, dass die Fertigung wieder zurück in die USA verlagert wird.

Appian: Dazu passt eine Meldung, dass der Sportartikelhersteller Adidas eine von Robotern gesteuerte und on-demand funktionierende Schuhfabrik in Atlanta baut, wo Laufschuhe von einem Team aus Robotern und ein paar wenigen menschlichen Arbeitskräften gefertigt werden. Adidas nennt dieses Konzept „Speedfactory“. Ist das nur ein Automatisierungshype oder wird das die neue Realität?

Dr. Zhang: Das wird die neue Realität. Diese automatisierten Fabriken werden Schuhe in Serie produzieren, die speziell für sechs der weltweit größten Metropolregionen designt wurden. Die erste Speedfactory wurde bereits in Deutschland eröffnet. Und Adidas hat bekannt gegeben, dass ein weiteres, knapp 7.000 m² großes Werk in Atlanta eröffnet wird, wo in Zukunft etwa 160 Arbeiter beschäftigt werden.

„Der Automatisierungsgrad in diesen Fabriken ist unglaublich. Adidas nutzt dieses Konzept der Speedfactorys, um individuelle Schuhe – on-demand – für Verbraucher in bestimmten Städten zu produzieren, je nach örtlichen Umweltbedingungen, Gewohnheiten und dem Lifestyle der Verbraucher.“

(Anmerkung der Redaktion: Nach der ersten Veröffentlichung dieses Beitrags hat Adidas verlauten lassen, dass man die „Speedfactories“ in Deutschland und den USA schließen und die Produktion nach Asien verlagern will.)

Appian: Aber die Kehrseite dieser Geschichte ist der Angstfaktor: Viele Menschen machen sich Sorgen, dass die Automatisierung sie ersetzen wird. Sind diese Sorgen berechtigt? Was halten Sie von der Angst vor Automatisierung und Stellenabbau?

Dr. Zhang: Ich möchte nicht um den heißen Brei herumreden. Arbeitsplätze werden abgebaut. Aber die meisten Jobs, die es dann nicht mehr geben wird, sind ohnehin Jobs, die die Leute gar nicht machen möchten. Es sind Aufgaben, in denen Menschen die Anforderungen an Qualität und Einheitlichkeit nicht einhalten können, was Automatisierung sehr wohl kann. Oder es könnte sein, dass die Automatisierung Arbeitsplätze ersetzt, die für den Menschen schlichtweg gefährlich sind.

Appian: Also gehen Sie davon aus, dass durch Automatisierung mehr hochwertige Arbeitsplätze in der Wirtschaft geschaffen werden, zum Beispiel Positionen im Management oder in der Kontrolle, aber auch im kreativen Bereich? Auf der anderen Seite allerdings erwarten Sie, dass niedrig bezahlte Jobs für Geringqualifizierte verschwinden werden?

Dr. Zhang: Ja. Sich wiederholende Arbeit, für die nur wenige Qualifikationen erforderlich sind, wird ersetzt werden. Daran gibt es keinen Zweifel.

„Aber gleichzeitig wird die Automatisierung viele Jobs, die mit künstlicher Intelligenz, Robotik, maschinellem Lernen und Datenwissenschaft in Zusammenhang stehen, für höher qualifizierte Arbeitnehmer schaffen. Die Menschen müssen sich neue Kompetenzen aneignen, um mit Robotern zu arbeiten. Denn der Bedarf an Routineaufgaben, die von menschlichen Arbeitskräften erledigt werden und produzierende oder Montagekenntnisse erfordern, geht zurück.

(Schauen Sie nächste Woche wieder vorbei für die letzte Folge dieser zweiteiligen Serie, in dem wir untersuchen, wie man das meiste aus der Automatisierung herausholt.)

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