Wie man von Unternehmensautomatisierung profitiert: Großes Ziel, kleine Schritte, validieren und weitermachen (Teil 2 von 2)

Dies ist der letzte Teil unserer zweiteiligen Serie über den unaufhaltsamen Aufstieg der Unternehmensautomatisierung, und wie man am meisten davon profitiert. Letzte Woche widerlegte der Robotik-Experte Jing Bing Zhang den Mythos der jobfressenden „Robokalypse“, bestätigte allerdings die Dringlichkeit, unsere Belegschaft fortzubilden, um den Automatisierungstrend voll auszuschöpfen. Im zweiten Teil der Serie erklärt Zhang, warum die größte Herausforderung für Geschäftsführer darin besteht, herauszufinden, wo man mit der robotergesteuerten Prozessautomatisierung anfangen soll. Dr. Zhang empfiehlt, sich auf die Bereiche zu fokussieren, die rasche Erfolge versprechen. Dazu brauche man eine Strategie. Setzen Sie sich große Ziele, fangen Sie allerdings im Kleinen an, bewerten Sie die Ergebnisse und bleiben Sie am Ball. (Lesen Sie hier Teil 1.)

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.

Appian: Sie sagten, dass die Menschen für die Arbeit mit Robotern bestimmte Kompetenzen brauchen und dass der Bedarf an Routineaufgaben, die von menschlichen Arbeitskräften erledigt werden und Kenntnisse in der Produktion und Montage erfordern, zurückgehen. Werden wir also unterm Strich insgesamt von neuen, durch Automatisierung geschaffenen Arbeitsplätzen profitieren?

Dr. Zhang:

Ja. Aber die Arbeitnehmer müssen ihre Kompetenzen ausweiten, damit sie die entsprechenden Qualifikationen für die Arbeitsplätze der Zukunft mitbringen.

Appian: Welche Erkenntnisse können Führungskräfte daraus ziehen … wie können sie sich auf die von Ihnen angesprochene Verschiebung der Arbeitsplätze vorbereiten?

Dr. Zhang: Einige Führungskräfte und Manager haben bereits erkannt, dass es notwendig ist, sich auf diese Megatrends einzustellen. Sie wissen, dass Automatisierung erforderlich ist, um die Gesamtlebensdauer ihrer Produkte und Services zu steigern und das Gesamterlebnis der Kunden bei der Verwendung ihrer Produkte zu optimieren.

„Die Branchenführer gehen einen Schritt weiter. Sie setzen Technologie aktiv ein, um auf Änderungen in der Kundennachfrage zu reagieren. Aber einige Firmen sind immer noch im passiven Wartemodus. Und an manchen geht der Trend sogar komplett vorbei. Aber die Early Adopters? Das sind diejenigen, die gegenüber ihrer Konkurrenz einen klaren Vorteil haben.“

Appian: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wie wird die Automatisierung Ihrer Meinung nach traditionelle Unternehmen und Branchen verändern?

Dr. Zhang:

Organisationen können nicht mehr allein anhand von Kosten oder Qualität konkurrenzfähig bleiben. Sie müssen ihr Gesamtangebot betrachten: das Produkt ist nur ein Teil davon.

Appian: Was ist mit Unternehmen, die die Vorteile von Automatisierung nutzen möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen? Haben Sie einen Tipp?

Dr. Zhang: Falls Sie nicht sicher sind, wo oder in welchem Umfang Sie mit der Automatisierung starten sollten, probieren Sie es zuerst mit einem Prototyp, um das Konzept zu validieren. Ziehen Sie Ihre Lehren daraus und machen Sie weiter. Die Devise lautet ‚Think big, start small‘. Setzen Sie sich also ein großes Ziel, beginnen Sie aber mit kleinen Schritten. Sie können es sich nicht leisten, gar nichts zu machen.“

Appian: IDC prognostiziert, dass bis 2020 60 % aller Roboter von cloud-basierten Softwarelösungen abhängig sein werden. Das klingt, als würde die Cloud eine große Rolle bei der Automatisierung spielen?

Dr. Zhang: Wir beobachten, dass einige Unternehmen Roboter nicht kaufen, sondern leasen – so wie beim Auto. Die Technologie für diese Maschinen entwickelt sich rasant weiter. Es ist deshalb besser für Benutzer, die Roboter zu leasen. Die Anbieter können nämlich so kontinuierlich über die Cloud Optimierungen an den Funktionen vornehmen, die Nutzung generell tracken und Inspektionen planen.

Appian: Das heißt also, dass Unternehmen die Kosten für das Leasing von Robotern gegenüber dem Stundensatz menschlicher Arbeit abwägen?

Dr. Zhang: Ja. Wenn Sie zudem genauer darüber nachdenken, wird schnell klar, dass die Ressourcen und Investitionskosten für den Kauf eines Roboters außerhalb des Budgets von kleinen und mittelgroßen Unternehmen liegen. Daneben sind auch Wartungsarbeiten und Upgrades von Robotern eine Herausforderung. Den meisten kleinen Unternehmen fehlen nämlich einfach die Ressourcen oder die Fähigkeiten, sich um diese Dinge zu kümmern.

Deshalb ist das „Robot-as-a-Service“-Modell so sinnvoll. Denn damit können auch kleine und mittelgroße Unternehmen die Vorteile der Robotik nutzen.

Appian: Welche Strategie würden Sie Unternehmern und IT-Führungskräften empfehlen, wenn Sie über die Anschaffung von physischen und Software-Robotern nachdenken? Und für welche Branchen stellt der Automatisierungstrend das potenziell größte Risiko dar?

Dr. Zhang: Ich denke, dass sich RPA und physische Roboter gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Der eine konzentriert sich auf physische Arbeit, der andere auf Denkprozesse. Es gibt viele Arten von Unternehmen, bei denen durch diese Technologien ein Wandel stattfinden wird. Meiner Meinung nach sollten sich Business Process Outsourcer (BPOs). d. h. Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse outsourcen, die größten Sorgen machen. In der Vergangenheit haben diese Unternehmen von billiger Offshore-Arbeit profitiert, zum Beispiel für Aufgaben wie Dateneingabe, bei der man auf Menschen zurückgriff, die Informationen und Daten in Systeme eingeben, Daten abrufen, sie miteinander vergleichen und eine Entscheidung treffen.  In Zukunft werden Unternehmen für solche Aufgaben Robotic Process Automation einsetzen.

Appian: Hat man es also mit regelbasierten, standardisierten Workflows und einfachen, sich wiederholenden Aufgaben in hohem Umfang zu tun, kann das rund um die Uhr, 7 Tage die Woche, das ganze Jahr über von RPA übernommen werden.

Dr. Zhang: Das stimmt. Man hat keinen Vorteil mehr, wenn man solche Aufgaben nach Malaysia, Indien oder China gibt, so wie es die Unternehmen noch vor 10, 20 oder 30 Jahren gemacht haben. Was RPA betrifft, haben die meisten Länder heutzutage alle die gleichen Voraussetzungen. Natürlich sind die BPOs gefährdet, denn sie können sich nicht mehr auf eine Armee aus günstigen Arbeitskräften aus Übersee verlassen. Darüber hinaus können billige Arbeitskräfte nicht die Geschwindigkeit, Skalierbarkeit, Genauigkeit und Fähigkeit von RPA erreichen, um mit sich ändernden Regulierungen und Compliance-Vorschriften mitzuhalten. Deshalb müssen auch BPOs RPA für sich nutzen.

Aber zurück zu Ihrer Frage, über welche strategischen Herausforderungen Führungskräfte nachdenken sollten …

Die größte Herausforderung beim Einsatz von RPA ist die Frage, wo man am besten beginnt. Ich empfehle, die niedrig hängenden Früchte zuerst zu ernten. Entwickeln Sie einen strategischen Plan und handeln Sie nach dem Motto „Think big, start small“. Sie brauchen ein großes Ziel mit einer Schritt-für-Schritt-Vorgehensweise. Nach dem ersten Schritt validieren Sie Ihre Strategie und gehen anschließend den nächsten Schritt an – und so weiter.

Appian: Zum Abschluss bitte ich Sie um Ihre Top-3-Prognosen für RPA im Jahr 2018 und in den darauffolgenden Jahren. Was meinen Sie?

Dr. Zhang: Ich glaube, wir werden (in den nächsten Jahren) ein exponentielles Wachstum beobachten können. Und dieses Wachstum wird alle Branchen betreffen, insbesondere aber das Bankwesen, die Finanzdienstleistungen und Versicherungsunternehmen. Zweitens denke ich, dass Gesundheits- und Logistikunternehmen als Nächstes von RPA profitieren werden, denn dort gibt es viele Daten, die verarbeitet werden müssen. Und Daten treiben die Automatisierung voran. Drittens wird es bedingt durch RPA (im nächsten Jahrzehnt) zu einer Reihe von Konsolidierungen, sprich Zusammenführungen und Übernahmen, innerhalb und außerhalb verschiedener Branchen kommen.

Appian: Was ist mit der Annäherung von RPA und KI? Erwarten Sie in naher Zukunft weitere Fortschritte auf diesem Gebiet?

Dr. Zhang: Ja. Unternehmen sprechen bereits darüber, wie sie künstliche Intelligenz in RPA integrieren können. Meiner Ansicht nach wird das aber noch eine Weile dauern. In Kombination mit Aktienmarktinvestitionen wird KI bereits eingesetzt. In etwa 3 bis 5 Jahren werden wir eine intelligente Version von RPA haben. Aber im Moment haben Unternehmen noch genug Aufgaben, die sich mit traditioneller RPA erledigen lassen.

 

 

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