Digitale Transformation und der Aufstieg der digitalen Menschen (Teil 2 von 2)

Chris Skinner, Fintech-Kenner, Bestseller-Autor

(Dies ist die zweite und letzte Folge unserer Serie zu den Auswirkungen der digitalen Transformation auf Unternehmen und ihre Mitarbeiter von Fintech-Kenner und Bestseller-Autor Chris Skinner. Teil 1 können Sie hier lesen.)

Um in der digitalen Wirtschaft konkurrenzfähig zu bleiben, müssen Banken die Digitalisierung ernst nehmen und sich – über ihre traditionelle Rolle als Finanzriesen hinaus – auch als Technologieriesen positionieren.„Die digitale Transformation ist in aller Munde. Es hat sich herumgesprochen, dass neue Technologien den Bankensektor vom Back- bis hin zum Frontoffice umgekrempelt, das Kundenerlebnis insgesamt verbessert und die Bereitstellung von kostengünstigen Leistungen für Kundengruppen ermöglicht haben, die zuvor keinen Zugang dazu hatten.“

Das sagt einer, der es wissen muss: Fintech-Kenner Chris Skinner (@Chris_Skinner). In der aktuellen Folge unserer „Digital Masters“-Reihe steht der Autor des Bestsellers Digital Human Rede und Antwort.„In China beispielsweise hat Tencent 2015 den Online-Dienst WeBank ins Leben gerufen, um Bankleistungen für Fabrikarbeiter anbieten zu können“, berichtet Skinner. „Das Unternehmen erwirtschaftete schon im ersten Jahr Profite und erbringt heute Dienstleistungen für über 100 Millionen Kunden – zum Preis von circa einem halben Cent pro Kunde pro Jahr für den Technologie-Stack, der das Leistungsangebot unterstützt. An erster Stelle geht es darum, bessere, schnellere und kostengünstigere Wege zu finden, um Kunden über die digitale Plattform zu erreichen.“

„Viele Banken reden von Digitalisierung“, so Skinner. „Inwieweit sie ihren Worten auch wirklich Taten folgen lassen, ist eine andere Frage. Für mich wurde der Unterschied sehr deutlich bei einem Projekt, an dem ich seit meinem Buch Digital Human arbeite. Dabei geht es um die Banken, die ihre digitale Transformation souverän bewältigen.“

Aktuell, soviel konnte Skinner schon verraten, arbeite er an einem neuen Buch über eben diese Banken, die bei der digitalen Transformation vieles oder alles richtig machen. Dazu habe er die Verantwortlichen in zahlreichen Banken aus aller Welt befragt und schließlich fünf Trendführer ausgewählt. Als wohl wichtigste Erkenntnis, die er aus dieser Erfahrung gewonnen habe, nennt er die Beobachtung, dass bei denjenigen Banken, die die Digitalisierung am erfolgreichsten bewältigen, die Unternehmensleitung in aller Regel zu 25 bis 50 Prozent aus Menschen bestehe, die aus den Bereichen Technologie, Telekommunikation oder Digitalisierung kämen.

„Bei der Bank, die am besten abschnitt, besteht die Führungsriege zur Hälfte aus Leuten, die in irgendeiner Form für Digitalisierung zuständig sind. Im Vorstand sitzen unter anderem der Leiter der Technikabteilung, der Datenbeauftragte und der Leiter des Customer Experience Management. Hinzu kommen ein CEO, der von Haus aus Technologe ist, und ein Vorstandsvorsitzender, der Erfahrung als CIO mitbringt.“

„Das trifft genau den Punkt, auf dem ich immer wieder herumreite“, meint Skinner. „Nämlich, dass es einer Bank, deren Unternehmensleitung nur aus Bankfachleuten besteht, nicht gelingen wird, sich erfolgreich als digitale Bank zu positionieren. Dazu braucht es eine Mischung aus Digitalisierungs- und Finanzexperten.“

Eine weitere Frage, die Skinner im aktuellen Podcast aufwirft, betrifft die Notwendigkeit neuer Einkommensquellen für Finanzinstitute, wenn viele ihrer herkömmlichen Dienstleistungen zukünftig von Mitbewerbern wie Amazon und Alibaba umsonst angeboten werden. Um dem zunehmenden Wettbewerbsdruck durch diese und andere Tech-Riesen standzuhalten, müssten die Banken dringend neue Geschäftsstrategien entwickeln. Dabei betont Skinner, dass die Expansion ihres Angebots auf Finanzdienstleistungen für Tech-Konzerne kein Selbstzweck sei, sondern lediglich dazu diene, noch mehr Besucher auf ihre Verkaufsplattformen zu locken.

„Aus dieser Motivation heraus vergeben sie zinsfreie Kredite und unterstützen gebührenfreie Zahlungen in Echtzeit. Außerdem bieten sie höhere Zinsen auf Sparanlagen und Kapitalanlagen an als andere Mitbewerber. Dadurch sichern sie (die Technologiekonzerne) sich höhere Besucherzahlen auf ihren Plattformen. Dabei geht es ihnen jedoch nicht darum, sich als Universalbanken mit vollem Serviceangebot zu etablieren. Vielmehr wollen sie lediglich ihr Kerngeschäft ankurbeln.“

Skinner hat etwa 30 eindeutige Merkmale identifiziert, an denen eine erfolgreiche digitale Transformation im Bankensektor erkennbar sei. Es gehe nicht etwa um eine einmalige Investition in ein Digitalisierungsprojekt, sondern vielmehr um einen grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur. Im Hinblick darauf vollzögen die besten digitalen Banken die Transformation von der obersten bis zur untersten Unternehmensebene und vom Back- zum Frontoffice mit dem Ziel, nicht nur die Strukturen der Systeme, sondern die Mentalität der Mitarbeiter zu verändern.

„Das berührt den Kern des Unternehmens – von der obersten Führungsebene bis in jede einzelne Abteilung“, meint Skinner. „Eine derart passionierte Bereitschaft zur grundlegenden Veränderung erlebe ich nur bei den wenigsten der Finanzinstitute, mit denen ich zu tun habe …Viele im Bankensektor kapieren nicht, dass das (die digitale Transformation) eine grundlegende Veränderung bedeutet. Sie meinen, es sei bloß ein Projekt …“

Wie krempelt man also ein Unternehmen komplett von oben nach unten um, mitsamt allen Systemen, Strukturen und Organigrammen?  Zur Beantwortung dieser Frage verweist Skinner auf sein demnächst erscheinendes Buch, in dem er Lesern ein Playbook für die digitale Transformation in 30 Schlüsselschritten und vier Phasen präsentiert.

Wer sich nicht bis dahin gedulden will, kann das gesamte Interview mit ihm schon jetzt in unserem „Digital Masters“-Podcast zum Thema Digitale Transformation und der Aufstieg der digitalen Menschen anhören.

„Digitale Transformation und der Aufstieg der digitalen Menschen“ auf Spreaker.

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