Mit der Entwicklung von intelligenter Automatisierung sind die ethischen Aspekte heute wichtiger als je zuvor

Todd Lohr, Leiter für Technology Enablement & Automation bei KPMG

Glaubt man dem Hype, ist intelligente Automatisierung etwas Schlechtes und überall wimmelt es von voreingenommenen Algorithmen – und niemanden scheint es zu interessieren.

Aber möglicherweise ist es zu früh, die gesellschaftsverträgliche Automatisierung für tot zu erklären.

In Wahrheit steigen die ethischen Erwartungen schneller als je zuvor.  Es hat sich herausgestellt, dass 76 % aller Verbraucher keine Geschäfte mit einer Firma machen würden, die Ansichten unterstützt, welche mit deren eigenen Überzeugungen in Konflikt stehen.

Um den Erwartungen standzuhalten, relevant zu bleiben, das Vertrauen von Verbrauchern zu gewinnen und die besten Mitarbeiter zu finden und zu halten, reagieren große Marken auf die Forderung nach ethisch korrektem Handeln.

Google hat beispielsweise entschieden, einen neuen Verhaltenskodex für künstliche Intelligenz einzuführen.

Amazon hat beschlossen, eine bessere Governance für Gesichtserkennungstechnologie zu implementieren.

Und Microsoft hat den US-Kongress aufgefordert, klare Regeln dafür zu schaffen, wo und wie intelligente Technologie verwendet werden darf.

Das heißt konkret: Wenn intelligente Automatisierung in Ihrem Unternehmen eine Rolle spielt, sollten Sie vielleicht auch über die ethischen Aspekte nachdenken.

Wie können Führungspersonen in einem Zeitalter, in dem intelligente Automatisierung immer rasanter wächst, die Forderung nach ethisch korrektem Handeln umsetzen?

Expertenwissen hilft.
Deshalb sprechen wir heute mit Todd Lohr, Leiter für Technology Enablement & Automation bei KPMG.

Er leitet für KPMG die Prozessautomatisierung in den USA, wozu Geschäftsprozessmanagement, Robotic Process Automation und kognitive Technologien gehören.

Appian hat mit Todd Lohr ein Interview geführt und ihn zu den ethischen Aspekten im Zeitalter intelligenter Automatisierung befragt.

Wir hoffen, dass Ihnen dieses Gespräch wissenswerte Informationen bieten kann.

Appian: Derzeit sprechen alle über die Technologie hinter der explosionsartigen Entwicklung intelligenter Automatisierung. Aber Sie haben auch die ethische Seite untersucht, also die menschliche Perspektive bei diesem Thema?

Lohr: 

Wir konzentrieren uns bei KPMG auch auf die menschliche Seite der digitalen Transformation. Und einer der wichtigsten Bereiche für Mitarbeiter in Führungsebenen ist der ethische Einsatz von KI und intelligenter Automatisierung.

Wissen Sie, wenn Sie dem Hype Glauben schenken, sind 50 % aller Arbeitsplätze durch intelligente Automatisierung bedroht. Dabei kommt die wichtige Frage auf, was das für die arbeitende Bevölkerung und die Gesellschaft bedeutet?

Und welche sozialen Verpflichtungen man als leitende Führungskraft hat, wenn man seine Belegschaft durch diesen disruptiven Wandel führen möchte?

Der andere Bereich, in dem ich mich spezialisiert habe, ist Technologiekonvergenz.

Problemlösung durch Kombination von Technologien

Appian: Neben der Ethik in der Technologie haben Sie sich auch im Bereich Technologiekonvergenz spezialisiert. Können Sie das für jemanden, der nicht aus diesem Bereich kommt, erklären?

Lohr:

Unternehmen nutzen heute nicht mehr einzelne Technologien, um eine geschäftliche Herausforderung zu meistern. Sie fragen sich vielmehr, wie man mehrere Technologien kombinieren kann, um Probleme zu lösen und Geschäftsmöglichkeiten zu nutzen.

So, wie Appian das im Grunde mit seiner Low-Code-Plattform für die schnelle Entwicklung von Anwendungen macht. Die Lösung basiert auf einem System, das es erlaubt, Technologien wie Robotic Process Automation mit Blue Prism zu kombinieren und Google mithilfe von APIs aufzurufen, die maschinelles Lernen ermöglichen.

So lassen sich durch den Einsatz von immer mehr Technologien, die aufeinander abgestimmt sind, zunehmend komplexere Probleme lösen. Es gibt also eine Art von Konvergenz auf dem Markt, bei der die Dinge wirklich zusammenlaufen und leistungsstarke Lösungen ergeben.

Die menschliche Seite der Automatisierung

Appian: Apropos Lösung komplexer Probleme. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die obere Führungsebene der CXOs den Wandel steuern kann, der infolge der intelligenten Automatisierung auf die Belegschaft zukommen wird?

Lohr: Ich vertrete da in der Regel eher eine utopische Sichtweise. Wir sprechen viel über Automatisierung und intelligente Automatisierung. Dabei vergessen wir die Tatsache, dass menschliche Arbeit in vielerlei Hinsicht ergänzt werden wird.

Appian: Was meinen Sie mit „Ergänzung“? Und wie wird sich das auf die zukünftige Arbeit auswirken?

Lohr: Sie werden feststellen, dass Automatisierung neue Formen von Arbeit und Wertschöpfung schafft. Für Unternehmen bedeutet diese Entwicklung, dass eine Verschiebung stattfinden wird und die Menschen für höherwertige Arbeiten eingesetzt werden.

Mitarbeiterressourcen für hochwertige Aufgaben verfügbar machen

Lohr: Wir haben das bei der Industriellen Revolution erlebt, wir haben es bei der Automatisierung in Fabriken erlebt und es passiert jetzt bei der Wissensarbeit. Automatisierung ist per se nichts Neues. Aber sie erreicht nun auch die Jobs von Leuten, die dachten, es würde sie nicht betreffen. Das liegt daran, dass die meisten von uns in einer Zeit aufgewachsen sind, in der man wusste, dass die Stellen in der Fertigungsindustrie automatisiert werden, nicht aber die Schreibtischjobs.

Das bedeutet aber auch, dass Automatisierung Kapazitäten freigibt, um mehr wertschöpfende Aufgaben zu erledigen. Unternehmen werden ihre Geschäftsmodelle anpassen und einen schnelleren und besseren Kundenservice bereitstellen. So erhalten Sie mehr nützliche Informationen über Ihre Vertriebskanäle und Betriebsmodelle sowie das alltägliche Management im Geschäftsbetrieb.

Hat Ihre Belegschaft die Fähigkeiten, die für Ihren Unternehmenserfolg notwendig sind?

Appian: Mit welchen schwierigen Herausforderungen sollten leitende Mitarbeiter bei diesem disruptiven Wandel rechnen? Und welche wichtigen Fragen müssen Führungskräfte aus Business und IT beantworten können?

Lohr: Die Herausforderung besteht darin, dass man seine Belegschaft dahingehend betrachtet, ob man die richtige Kombination aus Fähigkeiten und Talent hat.

Automatisierung wird in fünf bis zehn Jahren fest zum geschäftlichen Alltag gehören. Bieten Ihre Mitarbeiter dann auch die Fähigkeiten, die Ihr Unternehmen braucht?

Der Bedarf an kreativen Mitarbeitern wird zunehmen, es werden mehr persönliche Interaktionen stattfinden und Sie brauchen Ressourcen, um einzelnen Kunden einen persönlich auf deren Anforderungen zugeschnittenen Kundenservice bieten zu können. Diese Änderungen werden in vielen Branchen auf breiter Ebene zu beobachten sein.

Appian: Und es werden nicht nur die typischen traditionellen Arbeiterstellen sein, die sich verändern, es wird auch die Angestellten in den Büros treffen.

Lohr: Ja! Schauen Sie sich nur mal an, was vor 10 Jahren mit dem Outsourcing passierte, als plötzlich Pseudo-Bürostellen betroffen waren, zum Beispiel im Bereich der Dateneingabe.

Aber intelligente Automatisierung entwickelt sich sehr rasant und wird in Zukunft auch Juristen, Mediziner und Berater betreffen.

Ich mache ja im Grunde nichts anderes, oder?

Ich sammle viele Informationen, nehme sie auf und stelle für meine Kunden Hypothesen auf. Und diese Aufgabe kann eigentlich auch intelligente Automatisierung erledigen.

Sie werden also den disruptiven Wandel in jeder Branche erleben, in der Wissensarbeit geschieht, vor allem im Dienstleistungsbereich.

Die gängige Meinung war immer, dass diese Art von Automatisierung nur für die Fertigung von Produkten relevant ist.

Sind Sie bereit für den Wandel in der Belegschaft?

Appian: Denken Sie, dass die Führungskräfte ausreichende Vorkehrungen für die Disruption der Belegschaft treffen? Steht dieses Thema ganz oben auf ihrer Prioritätenliste?

Lohr: Bei einigen schon, denke ich. Aber allgemein würde ich eher zu Nein tendieren.

Grob gesagt denke ich, dass einige Unternehmen nicht auf die Folgen der intelligenten Automatisierung vorbereitet sind.  Ich meine insbesondere künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und all die aufstrebenden Technologien, die in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf uns zukommen werden.

Appian: Es klingt, als würden Sie über eine relativ kurze Zeitspanne von ein paar Jahren sprechen, aber nicht von Jahrzehnten?

Lohr: Genau das sage ich immer zu Gesprächspartnern mit Führungsverantwortung. Es wird noch passieren, solange wir uns im Arbeitsleben befinden. Und wir müssen darauf vorbereitet sein.

Ich glaube, es herrscht immer noch die Meinung vor, dass künstliche Intelligenz Science Fiction sei.  Die Menschen reden seit 50 Jahren über künstliche Intelligenz.

Und sie schauen auf die letzten 20 Jahre zurück und sagen: „Dieses Thema kam vor mehreren Jahrzehnten auf und seitdem hat sich nicht wirklich etwas getan.“

Die letzten 20 Jahre sind kein Maßstab für die nächsten fünf

Das Problem dabei ist, dass KI derzeit ein enorm starkes Wachstum hinlegt.

Wenn Sie sich also die letzten 20 Jahre anschauen, ist das überhaupt kein Indiz dafür, was in den nächsten fünf Jahren passieren wird, weil wir einen Wendepunkt der exponentiellen Wachstumskurve erreicht haben.

Neue Technologien übernehmen immer schneller Marktanteile.

Appian: Das ist eine gute Überleitung zum Thema Bildung, denn wir stellen uns die Frage: Wie können wir zukünftige Arbeitskräfte besser aus- und weiterbilden und auf diese Entwicklung vorbereiten? Lehren unsere Schulen und Universitäten die richtigen Fähigkeiten für die Jobs der Zukunft?

Lohr:

Unsere Schulen lehren derzeit Stoff für die Jobs der heutigen Zeit und die Jobs von gestern. Doch Schüler werden nicht für die Arbeitsplätze von morgen ausgebildet. Die größte Herausforderung lautet deshalb: Wie schnell können wir diese Situation umkehren?

Ich denke, leitende Mitarbeiter und Entscheidungsträger haben das Konzept verstanden. Aber ich weiß nicht, ob sie wirklich auf das Tempo vorbereitet sind, in dem dieser Wandel stattfinden wird.

Und ich bin mir auch nicht sicher, ob die Menschen wissen, wie weitreichend die Auswirkungen sein werden und welche Folgen diese Entwicklung für ihre Geschäfts- und Betriebsmodelle haben wird.

Chatbots übernehmen die Kundenbetreuung

Appian: Kommen wir noch einmal auf die menschlichen Aspekte der intelligenten Automatisierung zurück. Wie wird die intelligente Automatisierung Ihrer Meinung nach das Kundenerlebnis beeinflussen? Und wie wird sich dadurch die Interaktion der Unternehmen mit ihren Kunden und Klienten verändern?

Lohr:

Interaktionen im Kundenservice werden heute – im Vertrieb und in der Kundenbetreuung – immer häufiger durch intelligente Systeme und Automatisierung in Form von digitalen Assistenten wie Alexa und Google unterstützt.

Die Leute werden Dienstleistungen in Zukunft anders nachfragen. Bis vor Kurzem lautete das Motto noch Self-Service. Jetzt verschiebt sich das Ganze zu Spracherkennung als natürlichster aller Schnittstellen.

Appian: Es wird auch jede Menge Wirbel um den zunehmenden Einsatz von Chatbots im Kundenservice gemacht.

Lohr: Ja, man trifft auf diesem Markt immer häufiger auf Chatbots. Außerdem gibt es immer mehr Technologien, die Automatisierung vorantreiben.

Es gibt aber heute einen Unterschied zu früher. Wenn Unternehmen damals ihre Kundencenter analysierten und überlegten, wie man noch mehr Vorteile daraus ziehen kann, gab es zwei mögliche Betrachtungsweisen: Was kostet das?  Und wie können wir den Fokus auf Kundenservice, Treue und den langfristigen Wert eines Kunden legen?

In der Regel führte eine Kostenreduzierung in diesem Bereich zu einer Verschlechterung des Kundenservice, richtig? Hier hat mittlerweile eine Kehrtwende stattgefunden. Automatisierung verbessert den Service und ermöglicht personalisiertere Self-Service-Optionen zu einem Bruchteil der Kosten – von Mitarbeitern, die in Echtzeit verfügbar sind, ohne dass Kunden 20 Minuten in der Warteschleife hängen.

Diese Entwicklung wird die Wirtschaftlichkeit dieses Bereichs verändern.

Automatisierung & gesellschaftliche Verantwortung

Appian: Zu Beginn haben Sie über die ethischen Aspekte der intelligenten Automatisierung gesprochen. Ich würde gerne noch einmal aus Sicht der Entscheidungsfindung darauf zurückkommen. Welche Leitlinien würden Sie den CXOs mitgeben, um ihnen dabei zu helfen, bessere Entscheidungen beim Thema Arbeitsautomatisierung zu treffen?

Lohr: Ich denke, viele Unternehmen haben bereits Leitlinien und eine Firmenphilosophie zur unternehmerischen Entscheidungsfindung. Allerdings vermisse ich die Umsetzung dieser Vorgaben beim Einsatz von Technologien.

Ich neige dazu, den ethischen Aspekt von Automatisierungsentscheidungen genauso zu betrachten wie „grüne“ Initiativen und ihre Auswirkungen auf Unternehmensentscheidungen. Da gibt es eigentlich keinen Unterschied.

Appian: Das klingt nach einem Ansatz, bei dem ein Unternehmen Verantwortung zeigt.Lohr:

Ja. Unternehmen werden Automatisierungstechnologien dahingehend betrachten, wie diese Arbeitskräfte ersetzen oder ergänzen können oder wie sie die Struktur der Belegschaft grundlegend verändern können.  Viele Firmen werden über ihre unternehmerische Verantwortung nachdenken, weil Studien zeigen, dass Verbraucher nur mit gesellschaftlich verantwortungsbewussten Unternehmen Geschäfte machen möchten und werden.

Denken Sie nur an die Social Media, die heute den Alltag bestimmen. Und jetzt stellen Sie sich die Empörung bei Twitter vor, wenn Ihr Unternehmen beschließt, 10.000 Mitarbeiter durch Roboter zu ersetzen. Vielen Unternehmen haftet dieser negative Ruf bereits an und ich glaube, sie werden in Zukunft viel verantwortungsbewusster in der Gesellschaft damit umgehen müssen.

Der digitale Wandel und die Folgen für Arbeitskräfte

Appian: Also sagen Sie, dass nicht nur wirtschaftliche Überlegungen die Automatisierung vorantreiben …

Lohr:

Viele leitende Führungskräfte sagen zu mir, dass sie sich dafür verantwortlich fühlen, ihre Mitarbeiter durch den digitalen Wandel zu begleiten.

Großkonzerne werden Programme einführen, um ihre Belegschaft neu auszurichten. Und sie stellen sich Fragen, z. B.: Wie ändere ich meine Sichtweise auf die Fähigkeiten der Mitarbeiter in meinem Unternehmen?

Mit welcher Strategie kann ich die Menschen auf neue Arbeitsbereiche vorbereiten? Wie kümmere ich mich um Arbeiter, die betroffen sein werden?

Ich denke, es wird in großen Unternehmen zu vielen solcher Diskussionen kommen.

Wenn Sie also über die Ethik der künstlichen Intelligenz nachdenken, gibt es definitiv eine Art gesellschaftliche Verantwortung.

Verordnungen und ihre Risiken

Appian: Ich habe viele Berichte gesehen, in denen thematisiert wurde, dass der Großteil der heute existierenden Aufgaben durch Technologien automatisiert werden kann. Was bedeutet das für die Wirtschaft und die Gesellschaft im Allgemeinen, falls es so weit kommt?

Lohr: Zuerst würde sich die grundlegende Struktur in jedem Unternehmen ändern. Es hätte große Auswirkungen auf unsere Gesellschaft als Ganzes. Und wenn sich die Unternehmen nicht langsam darum kümmern, werden sich meiner Ansicht nach Regierungen einschalten, um das Tempo des Wandels zu drosseln, und um Regulierungen durchzusetzen, wie die in Europa diskutierte Verordnung zur Steuerautomatisierung.

Diese Art von Regulierung würde die Wirtschaftlichkeit verändern und den Automatisierungsgrad verlangsamen. Ich glaube, Sie werden noch mehr Beispiele für diese Denkweise in den USA finden.

Appian: In diesem Zusammenhang gibt es eine Denkrichtung, die sich darauf konzentriert, die ethischen Bedenken zu untersuchen, die sich durch den Einfluss von „biased data“, also voreingenommenen Daten, bei KI und maschinellem Lernen ergeben. Was sagen Sie dazu?

Lohr:  

Ja, es gibt ethische Bedenken in Hinblick auf „biased data“ in der KI. Wie kann man es zum Beispiel verhindern, dass KI und maschinelles Lernen keine Vorurteile oder Stereotype übernehmen? Es gibt auch Bedenken dahingehend, wie man KI monetarisiert und demokratisiert, damit sie am Ende nicht von einigen wenigen gesteuert wird.

Das sind einige der Themen, die meiner Meinung nach derzeit bei den meisten Führungskräften auf Resonanz stoßen.

Vor allem stellt sich die Frage, welche Verantwortung ich meinen Mitarbeitern gegenüber habe, wenn ich große Teile meiner Belegschaft automatisieren möchte?

Wie begleite ich meine Talente durch diese Entwicklung? Was kann ich als Führungskraft tun, um mein Unternehmen bei diesem Prozess zu unterstützen?

Die größten Automatisierungsirrtümer

Appian: Was sind bei Ihren Gesprächen mit Mitgliedern der Führungsebene die größten Irrtümer beim Thema intelligente Automatisierung?

Lohr: Der wahrscheinlich größte Irrtum … ich würde zuerst einmal sagen, dass es jede Menge Hype auf dem Markt gibt. Damit würde ich anfangen.

Wir betrachten intelligente Automatisierung nicht als Einzeltechnologie, sondern eher als Spektrum oder Kontinuum von Technologien – von einfacher, auf Regeln basierender Automatisierung bis hin zu wahrer künstlicher Intelligenz.

Und ich glaube, es wird komplizierter, wenn man bedenkt, welche Technologien es hier und jetzt bereits gibt und was noch auf uns zukommt.

Es gibt zum einen Robotic Process Automation, was derzeit in aller Munde ist. Und die Leute fangen an, das zu verstehen.Appian: Was bedeutet das und wie passt maschinelles Lernen dort hinein? Und wie passt KI in Ihre Strategie für intelligente Automatisierung?

Lohr: Das führt in gewisser Weise zum Spektrum-Konzept. Wir nennen es intelligente Automatisierung.

Aber der Marktplatz ist voll von Technologien, die gar nicht so super intelligent sind. Viele dieser Technologien nutzen eher traditionelle, auf Regeln basierende Automatisierung. Sie sind nur in den letzten Jahren besser geworden.

Das Dilemma der Softwareauswahl

Appian: Eine der größten Herausforderungen für Führungspersonen ist es, den Hype zu durchbrechen und die richtige Software auszuwählen. Die richtige Entscheidung bestimmt im Endeffekt, ob sie erfolgreich sind oder scheitern werden.

Lohr: 

Es gibt Tausende Anbieter auf dem Markt der intelligenten Automatisierung. Es sind heute so viele, dass wir einen Algorithmus für maschinelles Lernen entwickelt haben, um die Firmen im Bereich maschinelles Lernen im Internet nachzuverfolgen (lacht).

Wir haben also einen Index für Automatisierungstrends, der den Marktplatz für uns beobachtet, denn wir können mit dem Tempo und den Veränderungen auf dem Markt gar nicht mithalten.

Und das macht alles aber auch komplizierter. Denn es gibt verschiedene Technologien mit unterschiedlichen Fähigkeiten und dann ändert sich auch noch ständig etwas. Oder anders formuliert: Sobald Sie eine Strategie entwickelt haben, ist sie schon nicht mehr aktuell.

Appian: Wie geht man am besten damit um? Wie kann eine Führungskraft herausfinden, was wirklich notwendig ist, um der Zeit voraus zu sein?

Lohr: Ich glaube, die große Herausforderung liegt darin, die Technologien zu verstehen, die es hier und jetzt schon gibt. Man sollte darin investieren und sie wie ein Portfolio verwalten. Mit anderen Worten: Hier ist mein Portfolio aus disruptiven Technologien. Und so wird es sich auf mein Geschäfts- und Betriebsmodell auswirken.

Das sind meine Pläne für verschiedene Zeitfenster in der Zukunft. Folgende Maßnahmen werde ich kurzfristig im Hinblick auf Disruption ergreifen. Und diese Strategien sind für die kommenden drei Jahre geplant.

Zeit für eine neue Automatisierungsstrategie

Appian: Wir haben darüber gesprochen, dass Führungsmitglieder eine ethische Richtschnur brauchen, wenn sie in intelligente Automatisierung investieren möchten. Aber Sie haben auch gesagt, wir müssten unsere Sichtweise auf die Technologie grundlegend ändern. Was meinten Sie damit?

Lohr:

Wir bewegen uns von einem System, in dem Menschen Technologie zur Automatisierung von Arbeit entwickeln, hin zu einem System, in dem Menschen Technologie zur Schaffung von Technologie entwickeln, die wiederum Arbeit automatisiert.

Und das ist der transformative Mehrwert einer grundlegend neuen Sichtweise auf Technologie und Automatisierung.

Angenommen, Sie würden heute sagen: „Todd, diese Abteilung soll automatisiert werden.“ Ich würde ein paar Leute mitbringen. Und wir würden eine Reihe von Systemen entwickeln.

Wir würden die erforderlichen Technologien konfigurieren. Wenn Sie vorhaben, ins Ausland zu gehen, würden wir eine Lösung entwickeln, um auch das zu automatisieren.

Wir betrachten die Automatisierung also heute aus der Perspektive, wie Menschen Technologien entwickeln.

Spulen wir mal ein paar Jahre vor. Nun werde ich eine Desktop-Software installieren, mit der sich die Arbeit aller Mitarbeiter nachverfolgen lässt.

Schritt für Schritt lernt die Software, was Sie machen. Und irgendwann wird die Software Ihre Arbeit ergänzen.

Sie wird sagen: „Todd, ich glaube, das ist der nächste Schritt.“ Und ich sage, Ja. Und ich helfe der Software beim Lernen. Sechs Monate später kann die Software diese Aufgabe dann automatisieren.

Unsere Aufgabe als Technologie-Experten wird also darin bestehen, diese Technologie zu entwickeln. Und die Aufgabe der Technologie besteht darin, die Automatisierung aufzubauen. Und das ist die grundlegende Veränderung, mit der die Transformation beschleunigt wird.

Maschinelles Lernen: Der nächste große Trend

Appian: Kommen wir zur letzten Frage. Wenn Sie auf das Jahr 2018 und auf die kommenden Jahre blicken, auf welche großen Trends sollten Mitglieder der Führungsebene achten?

Lohr: In der Regel ist es so, dass echte Akzeptanz etwa ein Jahr nach dem Hype einsetzt. So war 2017 beispielsweise der Höhepunkt im Hype um Robotic Process Automation.

Und heute können wir beobachten, dass die meisten großen Unternehmen RPA für die Optimierung von operativen Prozessen einsetzen und so vor allem Kosten im Backoffice einsparen.

2018 ist das Jahr des Chatbots.

Deshalb werden Sie gegen Ende des Jahres und 2019 beobachten können, wie ein Großteil der Unternehmen den Kundenservice oder die Vertriebskapazitäten grundlegend umgestaltet – und zwar in digitaler Form mit Alexa oder Google bzw. intelligenten Interaktionen, wie wir es nennen.

Darüber hinaus werden 2020 und 2021 die Jahre sein, in denen Technologie auf Basis von maschinellem Lernen breite Akzeptanz findet.

Und Sie werden feststellen, dass maschinelles Lernen in allen Bereichen Ihres Unternehmens Einzug findet.

Mehr von Todd Lohr

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie Sie das Optimum aus der intelligenten Automatisierung herausholen, hören Sie sich den folgenden Podcast an, in dem Top-Experten interessante Ansätze diskutieren:

  • Todd Lohr, Leiter, Technology Enablement & Automation bei KPMG,
  • Neil Ward-Dutton, Forschungsleiter bei MWD Advisors
  • Anne McClelland, Vice President, Global Technology Partnerships bei Blue Prism
  • Malcolm Ross, Vice President, Product Marketing bei Appian.
Einführung in intelligente Automatisierung – Eine Strategie auf Basis von RPA-, BPM- und KI-Technologien

 

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